Gabriele Kalehua Streuer ist professionelle Hula-Lehrerin, wurde auf Hawaii ausgebildet und unterrichtet nun selbst.
Ein Gespräch mit der ehemaligen Bänkerin über Hawaii, ihre Lebensänderung und das, was Hula bewirkt und erzählt
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Aloha!
Aloha. (Pause) Wissen Sie eigentlich, was Aloha bedeutet?
Ja! Wir haben es zufällig auf der August-Titelseite stehen. Es bedeutet unter anderem Hallo und Liebe und hat noch ganz viele andere Bedeutungen. Aber - wer macht hier eigentlich das Interview?
Ihre Übersetzung war gar nicht mal schlecht. Ursprünglich hat Aloha folgende Bedeutung, nach Silben aufgeteilt:
„Alo“ heißt „Zusammensein, miteinander teilen“ und „oha“ heißt „glücklich sein“ und „ha“ ist der Atem des Lebens. Das ist der wichtigste Aspekt, denn „Atem des Lebens“ heißt, dass wir gegenwärtig sein sollen. Und der Hula erinnert uns daran, dass wir präsent sein sollen. Die Hawaiianer nennen uns übrigens auch „Ha oles“ und das heißt „ohne Atem“, weil wir so oft so wenig im Hier & Jetzt sind. Der Hula ist eben dazu da, um im Moment zu sein. Er erfordert eine sehr hohe Konzentration, fordert beide Gehirnhälften heraus, da man mit den Händen und Füßen etwas ganz anderes macht. Die Extremitäten werden in verschiedenem Tempo bewegt, in andere Richtungen. Dabei werden Geschichten erzählt, über die Schönheit der Natur, die Menschen auf Hawaii und die Liebe. Lauter positive Dinge. Das ist eine aufhellende Stimulanz und daher kann man mit Hula „glücklich“ werden (lacht). Ernsthaft: Die Neuroimminologie hat vor ein paar Jahren herausgefunden, dass diese Gedanken zusammen mit den Bewegungen Hormonausschüttungen bewirken, die Glücksgefühle auslösen. Da sieht man Frauenaugen strahlen! Die Gesichtszüge entspannen sich und schon nach einer halben Stunde ist man ganz anders drauf, als vorher.
Da haben Sie jetzt aber gute PR gemacht.
Es ist wirklich so.
Das glaube ich Ihnen. Die Wirkung des Tanzes auf die Seelenlage ist wohl mittlerweile unbestritten. Man muss sich nur aufraffen.
Auf Hawaii sagt man: Wenn’s dir gut geht und du tanzt Hula, dann ist das ganz okay. Nötig hast du Hula aber, wenn’s dir schlecht geht. Und die alten Kahunas, die hawaiianischen Schamanen, die es heute noch gibt, sagen sogar, dass Hula heilen kann, aufgrund der Bewegungen und stimulierten Gefühle. Sie sprechen von sieben Energiegesetzen, in denen im Prinzip alle Lebensweisheiten enthalten sind.
Die scheinen tatsächlich sehr Konzentrations-begeistert zu sein, die Hawaiianer. Die Sprache besitzt ja auch nur wenige Silben, beziehungsweise Worte.
Ja, wobei man sehr aufpassen muss, denn es ist die Kombination der Silben, die richtungsweisende Schwerpunkte enthält. Die Schrift halten die Hawaiianer für nicht so wichtig, wie das gesprochene Wort, weil sie nicht durch den Atem getragen wird. Das ging ehemals so weit, dass sie überprüft haben, ob die Worte bei der Aussprache genügend „Leben“ tragen und auch wirklich positiv sind. Haben eine Art kinesiologische Tests durchgeführt. Und wenn die Worte nicht erhellend genug waren, wurden sie geändert.
Sie sind mittlerweile Hawaii-Expertin. Wie kamen Sie zum Hula?
Ach, ich war Bänkerin, aber nie wirklich glücklich mit diesem Beruf. Und suchte lange Zeit nach einem Beruf, der Berufung ist. Las dann eines Tages einen Artikel über das Schwimmen mit wilden Delphinen auf Hawaii und war fasziniert. Und obwohl es sehr teuer war, war mein Mann genauso angetan. Dann habe ich bei dem Kurs angefragt, was nicht beantwortet wurde und so vergaß ich es allmählich. Ein paar Monate später ging es dann jedoch Schlag auf Schlag: Wir saßen im Sommer auf der Terrasse mit einem Glas Wein und überlegten, wie wir unsere Hochzeitsreise gestalten wollen, dachten nochmal an das Schwimmen mit Delphinen und ich sagte noch: „Aber die haben sich ja nie gemeldet.“ Mein Mann ging ins Haus, schaltete seinen Laptop ein, schaute sich die emails an und brüllte: „Komm schnell! Sie haben sich gerade gemeldet!“ Da schrieben die Organisatoren: „Im August sind noch Plätze frei, Ihr müsst unbedingt noch kommen.“
Das nennt man Zufall.
Das war eine Fügung! Denn am nächsten Tag kam ein Brief von einem Telefonanbieter und darin waren Informationen über Hawaii. Abends waren wir im Fitnessstudio und plötzlich sang einer: „Es gibt kein Bier auf Hawaii.“ Da war uns klar: Diese Zeichen können wir nicht ignorieren.
Und dann?
Dann sind wir für vier Wochen rübergeflogen, haben eine Woche das Delphin-Schwimmen gemacht. Und das war toll. Denn es waren wilde Delphine und da ist es nicht selbstverständlich, dass sie an jedem Tag „zur Verabredung“ kommen, was sie aber getan haben. Sogar Junge haben sie in der Zeit bekommen, die sie uns zeigten, es war alles so wundervoll, dass ich schon dachte: Das ist das Beste, was du je erlebt hast. Aber an einem der letzten Tage jener Woche wurde ein Retreat angeboten und dort gab es eine Hula-Stunde.
Das war Ihre erste Hula-Stunde?
Ja. Und mir war sofort klar, dass es das ist, was ich machen möchte. Mein Mann tanzte auch Hula, tanzte auch selig mit, ihn hat’s aber nicht auf Anhieb so erwischt wie mich. Ich hatte Schweißausbrüche, Gänsehaut, Herzklopfen, so durchfuhr es mich. In dem Moment wusste ich, dass Hula meine Berufung ist.
Einfach so?
Also, ich muss dazu sagen, dass ich schon immer leidenschaftlich gerne getanzt habe, aber nur als Hobby. Außerdem war ich damals 36 Jahre alt und dachte zu alt zu sein, um etwas Ernsthaftes mit Tanzen beginnen zu können. Aber auf Hawaii ticken die Uhren anders und da ist es einfach so, dass man mit zunehmendem Alter mehr Anerkennung erhält und die Hula-Lehrer sind alle etwas älter, wenn nicht gar alt, die unterrichten bis ins Alter von 80 Jahren. Das hat mir Mut gemacht.
Nach dieser Delphin-Woche waren wir noch weitere drei Wochen auf Hawaii und sind zu jeder Hula-Aufführung gegangen, die wir finden konnten. Zusätzlich sind mir Hula-Lehrer begegnet, die mir spontan angeboten haben, mich zu unterrichten. In dieser Zeit konnte ich also direkt vor Ort die ersten Grundlagen lernen.
War es nicht eigentlich Ihre Hochzeitsreise?
Richtig (lacht), und mein Mann ist ständig mit mir zu Hula-Stunden gelaufen. Das hat er aber gerne gemacht. Er ist sehr abenteuerlustig, liebt Veränderungen und hat die Entwicklungen von Anfang an mitgetragen. Außerdem ist er Lektor und Mallehrer, besitzt also ein grundsätzliches Verständnis für solche Dinge.
Unsere Rückreise gestaltete sich übrigens sehr schwierig, denn wir sind am 10. September 2001 in San Francisco gelandet und am nächsten Tag konnten wir nicht weiterfliegen, da die Terroranschläge stattfanden. Also saßen wir eine Woche lang fest.
Zuhause suchte ich dann sofort nach Hula-Ausbildungen, fand aber keine. Also reiste ich im darauf folgenden April wieder nach Hawaii. Und war dort im Hula-Trainingslager. An jedem Tag habe ich mit einer Lehrerin vier Wochen lang fünf bis sechs Stunden trainiert. Was ich auf Video aufgezeichnet habe, mit nach Hause nehmen konnte. Und dort habe ich dann wie eine Besessene Hula geübt. Ich war nicht mehr zu bremsen. Meine Übungen haben ich dann wieder auf Video aufgezeichnet und nach Hawaii geschickt. Nach einigen Monaten erhielt ich dann die Rückmeldung: „Du bist weit genug und kannst anfangen, zu unterrichten.“
So schnell ging das?
Ja, aber auch nur, weil ich zuvor bereits zwölf Jahre lang Bauchtanz gemacht hatte. Da fängt man natürlich nicht ganz von vorne an, der Körper besitzt schon eine gewisse Geschmeidigkeit.
Und dann? Wie ging es weiter?
Ich habe dann in Köln an der Volkshochschule zu unterrichten begonnen. Zuerst sagte man mir: „Hula? Was soll das denn? Kennen wir nicht, wollen wir nicht.“ Aber ich habe sie überzeugt und kurz bevor der Kurs begann, erhielt ich den Anruf: „Wir haben so einen Ansturm, können Sie einen zweiten Kurs einrichten?“ Das habe ich dann gemacht, später auch Privatkurse angeboten. Und kündigte meine Stelle als Bankkauffrau.
Es lief also alles wie am Schnürchen.
Moment, Moment. Grundsätzlich tat es das, aber es gab einen kleinen Einbruch. Denn wir zogen an den Bodensee, was ein ganz alter Traum von mir gewesen ist. Ich liebe die Natur und die Landschaft hier ist einfach fantastisch. Alles schien wunderbar zu sein und war es grundsätzlich auch. Aber dann merkte ich, dass das Leben hier in beruflicher Hinsicht anders ist, als in einer Großstadt, worüber ich gar nicht richtig nachgedacht hatte. Es ist ja hier sehr ländlich und nicht so dicht besiedelt. Insofern ist es sehr zähfließend angelaufen. Ich musste umdenken. Habe zunächst Wochenendworkshops angeboten, für die die Kursteilnehmer von weiter her kamen. Und seit dem letzten Jahr bilde ich Hula-Trainer aus, habe oder bin jetzt Europa's einzige Hulaschule, die Hula-Trainer ausbildet. Denn nebenbei habe ich mich weiter entwickelt, war immer mal wieder auf Hawaii. Zwischendurch war ich auf Kreuzfahrtschiffen engagiert.
Wie läuft es ab, wenn man von Ihnen zum Hula-Trainer ausgebildet wird?
So ähnlich, wie es bei mir selbst war. Zunächst übe ich täglich fünf Stunden mit den Schülern, dann bekommen sie von mir DvD’s, auf denen ich ihn Spiegeltechnik vortanze, und müssen üben üben üben. Darauf folgt ein Aufbaukurs, bis ich bei einer Abschlussprüfung sehe, dass jemand weit genug ist. Und dann kann er loslegen.
Hat Hula Ihr Leben verändert?
Absolut. Ich fühle mich sehr viel freier. Bereichert und glücklich.
Ist die hawaiianische Mentalität auf Sie übergegangen?
Teilweise. Ich bin jetzt gelassener als früher. Aber ganz hawaiianisch werde ich wohl nie. Denn der Hawaiianer an sich ist locker, aber auch ein bisschen chaotisch. Die Hawaiianer planen so wenig wie möglich, lieben es nicht sehr, sich festzulegen. Das hat mir manchmal den letzten Nerv geraubt. Wenn ich da mit Koffern bereit für den nächsten Lehrgang ankam und keiner da war oder sie erstaunt sagten: „Och Mönsch, was machst du denn hier? Ich dachte, du kommst erst in zwei Monaten“, obwohl der Termin eingetragen war. Damit klarzukommen, hat mir als Bänkerin am Anfang große Probleme bereitet. Meine Tugenden der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit waren überstark ausgeprägt. Und ich finde es auch immer noch nicht berauschend, einfach vergessen zu werden, aber ich bin trotzdem flexibler geworden. Und vertrauensvoller. Wenn ich also mal wieder auf Hawaii bin und es klappt irgendetwas nicht, vertraue ich darauf, dass stattdessen etwas Besseres passiert. Und so ist es bisher immer geschehen.
Haben Sie nie Angst gehabt, dass Sie Schiffbruch erleiden?
Selten. Natürlich ist es immer komisch, wenn man aus dem Angestelltenverhältnis tritt, weil man die Vorteile dessen vorher nicht so wahrnimmt. Man denkt, es sei das Sicherheitsdenken, das einen gehalten habe, aber das ist es nicht allein. Die ganzen Bezüge fallen plötzlich weg, man ist auf sich alleine gestellt, kann nichts besprechen, das Gemeinschaftsgefühl ist nicht mehr vorhanden. Das war am Anfang schon sehr ungewohnt. Aber dann habe ich gemerkt: Wenn man etwas macht, das aus dem Herzen kommt, dann liebt man es so, dass man es durchhält. Denn ich mache jetzt nicht weniger als vorher, es ist eher mehr geworden. Trotzdem kann ich mir meine Tage anders einteilen. Und wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Eine blöde Frage zum Abschluss:
Wie beginnt eine Hula-Lehrerin den Tag?
Mit Hula! (Lacht)
Im Ernst?
Ja! Ich stehe auf und schon geht’s in die Hüfte. Hula ist etwas sehr Spirituelles. Man wacht auf und ist, naja, „einfach Hula“...
Danke für das leichtfüßige Gespräch. Halt! Ich habe doch noch eine Frage: Was bedeutet das hawaiinaische „Kalehua“ in Ihrem Namen?
„Kalehua“ bedeutet „Lehua-Blüte“. Die Lehua ist die National-Blume der Hawaii-Insel Big Island und der Vulkan-Göttin Pele gewidmet.
Und was heißt Hula?
Hu heißt Energie und La heißt Sonne.
Nun aber wirklich: Danke.
Anmerkung: Das Interview wurde seinerzeit
geführt vom Online-Magazin "sinn-bar" welches heute leider
nicht mehr existiert.
Da wir zum Quellen-Nachweis verpflichtet sind, erfolgt dieser rechtliche
Hinweis.
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